Wilfried Schmickler, König der Jammerlappen

Der Deutsche ist arm, bitterarm. Er ist gezwungen in einem Land dahinzuvegetieren, in dem eine unerträgliche, gesellschaftliche Kälte herrscht – jenes eisige Klima, das lediglich von der nicht mehr hinnehmbaren sozialen Ungerechtigkeit übertroffen wird.

Das ist natürlich Mumpitz, aber die Deutschen hören es immer wieder gern: sie können gar nicht genug davon bekommen, über ihr angebliches Leid informiert zu werden. Schuld an dem Schrecken sind sie jedoch niemals selbst, nicht das Individuum, sondern irgendwelche nebulösen Strippenzieher, zu denen Banker, Kapitalisten und korrupte Politiker gehören. Der übliche Wahn halt.

Der GEZ-alimentierte Kabarettist Wilfried Schmickler hat sich, im Rahmen einer einschläfernden Litanei („Dat is doch normaal“), zum Sprachrohr dieser Selbstmitleidigen gemacht: vor großem Publikum schwang er sich zum unumstrittenen König der Jammerlappen auf. Das ist insofern tragisch, als das Schmickler zu den wenigen deutschen Vertretern seines Berufsstandes gehört, die, ab und zu wenigstens, witzig sind. Schmickler besitzt häufig sogar die Traute, sich kritisch zum Islam zu äußern.

Am 9.11.2012 rotzte er jedoch Gesinnung ins Publikum, populistischen Unsinn, für den man hierzulande überall und jederzeit Applaus ernten kann. Mit Alki-Stimme und im Stakkato beliefert er das Publikum im Saal, und draußen an den TV-Geräten, mit dem, wonach es lechzt.

Er spricht erst mal grausige Phänomene an … Babys, die in Mülleimern verschwinden, oder Rentner, die unentdeckt in Mietshäusern verwesen. Zeugnisse menschlicher Teilnahmslosigkeit und sozialer Verwahrlosung, wie man sie so, oder so ähnlich, in allen Epochen und Gesellschaftsformen antreffen konnte/kann. Dass besonders in der Bundesrepublik Deutschland staatliche und private Stellen intensiv bemüht sind, solchen Missständen entgegenzuwirken, das wird von Schmickler und besonders seinem Publikum tunlichst ausgeblendet. Finanzielle Unterstützung durch Ämter, kostenlose und kompetente Beratung, Babyklappen, Kältebusse – all das gibt es gar nicht. Wir leben in der schlechtesten aller Welten. Punkt. Ende. Aus.

Dann, um es noch zu erwähnen, kommen in Schmicklers Redeschwall noch die üblichen Verdächtigen vor: Rösler, Kristina Schröder, Westerwelle, usw., usf. Unrecht und Elend wohin man auch blickt.

Dieses weltfremde, negative Denken erzeugt beim Publikum ein sichtlich wohliges Kribbeln. Man fühlt sich einfach gut. Wenn man sich die Leute anguckt, dann wirken sie – egal was Schmickler gerade erzählt – keinesfalls empört oder schockiert … nein, sie blicken zufrieden drein, sie lachen und applaudieren enthusiastisch.

Die Atmosphäre ist unheimlich, die nekrophile Stimmung ist die gleiche wie einst im Berliner Sportpalast, und hätte jemand gefragt „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – dieses selten dumme Publikum hätte gewiss mit Ja geantwortet.

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Veröffentlicht am 29. Januar 2013 in Deutsches Leid, Hochfinanz & Co., Videoclips und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – dieses selten dumme Publikum hätte gewiss mit Ja geantwortet.

    Da kannst du aber einen drauf lassen ich bin so froh dass wir hier in Deutschland keine direkte Demokraqtie haben, genau aus diesem Grund. Man stelle sich vor wenn ein Honigmann mal Politischer Redner werden würde oder Frühwald … Katastrophe.

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